Kindesmisshandlungen in Kinderheimen? Eine Spurensuche in Rheinland Pfalz

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„Ich habe gesagt Herr Pater, mir tut das so weh, das ist doch nicht richtig. Aber dann fiel mir ein dass es doch richtig gewesen sein muss, weil es war ja das Bild von Papst Johannes Paul II. dort.“

Mit diesen eindringlichen Worten beginnt der Trailer zum Film „Die Kinder lassen Grüßen“ von Patricia Machart. Neun Opfer schildern hier, wie sie von Mitgliedern der katholischen Kirche in Österreich missbraucht wurden und wie der harte Kampf ums Recht sich hinauszögerte. „Viele interessiert unsere Geschichte gar nicht“, wird Georg Prader zitiert. Gilt dies auch für Deutschland? Spätestens seit den Skandalen um den ehemaligen Augsburger Bischof Walter Mixa und um die Regensburger Domspatzen ist die Problematik öffentlich bekannt. Doch es handelt sich nur um Altfälle, um Relikte aus einer längst vergangenen Zeit. Misshandlungen finden heute in Heimen und Internaten und Pfarrhäusern nicht mehr statt. Würde sich jemand nicht an das Strafrecht halten, die Staatsanwaltschaften würden unnachgiebig ermitteln. Wirklich? Wir begeben uns auf Spurensuche an die südliche Weinstraße.

Spurensuche an der südlichen Weinstraße

Rückblende: Im Jahr 2014 läuft ein Junge aus einem katholischen Heim davon, darf zur Mutter, soll wieder ins Heim und flüchtet. Die dortige Öffentlichkeit ist elektrisiert von diesem Fall. Der Fall stößt auf mediales Interesse, berichtet das Kind doch davon wegen Schlägen davongelaufen zu sein und deshalb Suizidabsichten zu haben. Ein Brief des Jungen geht bei der Presse ein, ein anonymer Anruf bei der Presse. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen diverser Delikte werden eingestellt, Aussagen des Jungen werden durch Aussagen der Heimmitarbeiter widerlegt. Laut Jungen vor allen im Heim geäußerten intime Details und Probleme sollen nur unter vier Augen gesprochen worden sein. Verurteilt wird letztlich nur der Rentner, der dem Jungen Unterkunft gewährte, als dieser bei ihm unverhofft auftauchte.

Das Heim fühlt sich von der Mutter des Jungen zu unrecht an den Pranger gestellt. Es melden sich immer mehr angeblich Geschädigte und berichten von verschiedenen Straftaten gegen deren Unversehrtheit.

Die Staatsanwaltschaft Landau hat die Ermittlungen (…) abgeschlossen und die Verfahren eingestellt.

Mit Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Landau in der Pfalz vom 07.08.2017 sind alle Verfahren eingestellt. Es hat also alles seine Richtigkeit in der Pfalz, die Spuren verlaufen im Sande, Fussabdrücke im Leben der Menschen verblassen. Alles ist gut.

Alles? Oder hat die Staatsanwaltschaft Landau gelogen? Auf Nachfrage der Rheinpfalz musste eingeräumt werden, dass ein junger Mann, der sich öffentlich dort als Vergewaltiger geoutet hatte, nach über 13 Monaten immer noch nicht von der Polizei vernommen worden ist. Verlaufen die Spuren wirklich im Sand? Gewollt? Gesteuert?

Wir haben nachgehackt und der leitenden Oberstaatsanwältin einen umfangreichen Fragenkatalog zugesandt. Eine Rückmeldung erfolgt nicht. Hat die Staatsanwaltschaft Landau etwas zu verheimlichen? Der im Komplex ermittelnde Staatsanwalt D. scheint wie vom Erdboden verschluckt. Zufall? Der Ortsbürgermeister jeder kleinen Gemeinde, zu deren Steuerzahlern das Heim gehört, arbeitete früher bei eben jener Staatsanwaltschaft und nunmehr bei der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe. Zufall?

Staatsanwaltschaft beantwortet keine Fragen

Wir haben Fakten gecheckt:

  1. Offenkundig wurde kein einziges Kind einer Glaubwürdigkeitsbegutachtung unterzogen. Bei Straftaten gegen Kinder ist dies eigentlich Standard, um dem Mangel an Detailtiefe kindlicher Aussagen zu begegnen.
  2. Obwohl das Verfahren gegen den Erzieher des 2014 davongelaufenen Kindes eingestellt wurde wegen Aussage gegen Aussage, tauchen plötzlich Aussagen von Heiminsassen auf, die von den angeblich vertraulichen Gesprächen wissen.
  3. Der Heimleiter berichtet davon, dass es in einem rechtsmedizinischen Gutachten keine Hinweise auf Kindesmisshandlungen gab, eine Verletzung sei nur ein Mückenstich gewesen. Im Gutachten, das uns vorliegt, klingt die entsprechende Passage aber ganz anders:
    “Sie gilt auch für die kreisförmigen Narben mit nahezu gleichem Durchmesser an der rechten Unterarmstreckseite eines Kindes, die auf dem Foto 164149 vom 16.05.2014 abgebildet sind. Hierbei könnte es sich alternativ um die Folgen aufgekratzter Mückenstiche, jedoch auch um die einer umschriebenen thermischen Einwirkung (z. B von Zigaretten) gehandelt haben. Sollte es sich um Zigarettenverletzungen handeln, kann jedoch aus rechtsmedizinischer Sicht nicht differenziert werden, ob der Junge sich die Verletzungen selbst beigebracht hat oder ob sie ihm von dritter Hand beigebracht wurden.”Warum wird von Seiten des Heimes die Öffentlichkeit getäuscht? Eine andere Passage des Gutachtens lautet noch eindeutiger:”Auch die rundlichen, fingerkuppengroßen Hämatome am Übergang der Oberarmstreckauf die -beugeseite rechts von die am 10.06.2014 aufgenommen wurden (Foto 155413), und die gleichartigen Befunde, die sich am selben Tag auf der Unterarmstreckseite rechts von befanden (Foto 155420) sind aufgrund ihrer Vielzahl, Konfiguration und Lokalisation zumindest nicht zwanglos mit akzidentellen Ereignissen in Einklang zu bringen, sie imponieren vielmehr wie sog. Griffspuren. Es ist jedoch nicht differenzierbar, ob es sich hierbei um Griffspuren durch einen Erwachsenen oder eventuell einen Jugendlichen handelt
  4. Die Staatsanwaltschaft hat sich hier geweigert, nach dem Gutachten aufzuklären wer diese Hämatome beigefügt hat und ob es sich um einen Mückenstich handelt. Warum?
  5. Die Staatsanwaltschaft Landau zitiert ja ein Vernehmungsprotokoll, dass ein Kind eine Behauptung, es sein von einer Person eine Treppe heruntergestoßen worden, distanziert habe. Die weiteren Beweismittel, nämlich eine eidesstattliche Versicherung der Schwester des Kindes sowie eine Whatsapp des Kindes an Dritte, werden verschwiegen. Hat das Kind gelogen? Wird gegen das Kind nun wegen falscher Verdächtigung ermittelt oder besteht dann die Gefahr, dass das Kind die Wahrheit sagt?
  6. Wie ist das Schreiben des Heimes an eine besorgte Mutter zu verstehen, dass “sich eine Erzieherin nicht adäquat abgegrenzt habe” nach einer sexuellen Provokation? Der Vorwurf scheint so schwerwiegend zu sein, dass damals das Arbeitsverhältnis sofort beendet wurde und das Landesjugendamt informiert wurde.
  7. Wie kommt es, dass das aus dem Umfeld des Heimes angebliche Täter informiert werden über die Taten, wenn es doch keine Taten gab? Sieht so Aufklärung aus? Täter vorwarnen erfüllt regelmäßig den Untersuchungshaftgrund der Verdunklung. Haftbefehle sind aber nie erstellt worden. Hat die Staatsanwaltschaft die Akte also gelesen?
  8. In einem weiteren Fall scheint die Staatsanwaltschaft nach Beweis einer Straftat (Verstoß gegen KunstUrhG) und Bestreiten desselben durch die Einrichtung und neuen aktuellen Beweismittelvorlagen die Einrichtung informiert zu haben – die über Jahre einsehbaren Bilder sind plötzlich nicht mehr einsehbar.

Eigentlich sollte man alle diese Akten anonymisiert leaken, damit sich jeder ein eigenes Bild machen kann, wer lügt und wer die Wahrheit sagt. Wenn aber Zeugen aussagen, dass sie “vorgewarnt wurden” und gleichzeitig bilddokumentierte Straftaten “eingestellt” werden und die Öffentlichkeit durch die Staatsanwaltschaft beweissicher belogen wurde, dann ist etwas Faul an der südlichen Weinstraße – und ich spreche hier nicht von Weinreben. Aufklärung, das beweist dieser Fall vortrefflich, kann nur durch die Presse und eine informierte Öffentlichkeit erfolgen, nicht durch Staatsanwaltschaften.

Kein Ich bei missbrauchtem Kind

“Als Missbrauchtes Kind hat man hier kein Ich, das musst du dir hart zurückkämpfen”, spricht eine der Betroffenen in die Kinder lassen grüßen. Die Staatsanwaltschaft scheint dies zu wissen und darauf zu bauen, dass sich keiner mehr wehren kann – wenn wir auch noch schweigen…

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