Wir “Ver-rückten” und unsere nicht nur “geistige Notlage”: Zwangsbehandlung in Kliniken und die ewige Stigmatisierung

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Eine Erfahrung und ein Statement von “Daniela Löwenherz”
Daniela Löwenherz” hat mir folgende Zeilen geschickt (im Jahre 2019)
und ich will sie hier veröffentlichen, weil Daniela mir, mit ihren Worten, wirklich aus dem Herzen spricht.
Wir teilen das selbe Schicksal: psychiatrische Diagnose, das schreckliche Erleben von Zwangsbehandlung in Kliniken und nicht zuletzt die Frage “Werde ich, so wie ich bin, gesellschaftlich akzeptiert?”
Auch wenn ich heute sehr direkt an die Öffentlichkeit gehe mit meiner “psychischen Besonderheit”, so gab es Zeiten und Momente in meinem Leben, in denen ich lieber Suizidversuche machte, als mich meiner Familie mitzuteilen und ihnen zu erzählen, dass ich starke Ängste und Zwänge hatte.
(ich verwende oft das Wort “psychische Besonderheit”, weil ich den Begriff “psychisch krank” nicht so gerne mag. Denn wer kann sich anmaßen zu definieren was “normal” und was “krank” wäre)
Doch ich lernte mich also zu öffnen, um zu überleben.
Heute schreibe ich Bücher zum Thema “Psychose” und mache Lesungen und Vorträge.
Von meiner letzten festen Arbeitsstelle, wurde ich wegen der Veröffentlichung des Buches gekündigt, hier musste ich starke Stigmatisierung erfahren.
Daniela Löwenherz”, ist nicht der richtige Name, der Autorin folgender Zeilen, auch Daniela hat Angst wegen ihrer Offenheit über ihre “psychische Besonderheit” Ablehnung zu erfahren.
Ich finde es sehr schade, dass Menschen wie Daniela und ich sich wegen ihrer “psychischen Besonderheit” verstecken müssen/ mussten.
Doch ich sehe auch einen Wandel in der Gesellschaft und habe das Gefühl, dass diese für unsere “Besonderheiten” immer offener wird.
Hier also Danielas Statement:
So vieles könnte gelöst werden, wenn Menschen zuhören würden, um zu verstehen, statt nur zu antworten.
Dies gilt auch im Hinblick auf Menschen, die eine psychotische Episode erleben.
Denn diese Menschen erleben in dieser Phase eine “künstlerische Schaffungsphase”, in der Schmerzliches verarbeitet wird.
Aber leider wird dieser Umstand noch verkannt und derjenige wird als “verrückt” abgestempelt. Das Schicksal jener Menschen ist oft das gleiche:
mit einer Diagnose versehen, eingesperrt, womöglich unter traumatischen Umständen noch fixiert und zwangstherapiert mit Medikamenten.
Klar “verrückt” ist man als Mensch in einer psychotischen Episode auf jeden Fall.
“VER-RÜCKT”, was soviel aber bedeutet wie:
nicht auf dem normal gängigen Weg, der eben für die meisten Menschen normal ist.
Ich finde es traurig, dass wir Menschen, die diese besondere Gabe des psychotischen Erlebens haben, dann so behandelt werden,
als ob wir eine Gefahr sind.
Okay wenn ein Mensch in einer akuten Krise andere körperlich verletzt oder sich selbst, dann ist das nicht okay, dann muss das unterbunden werden.
(Doch in der Regel geht von psychotischen Menschen keine Gefahr aus, im Gegenteil viele träumen in psychotischen Phasen “vom Weltfrieden”, wollen die die Welt verbessern – Einschub von Vera Maria)
Doch natürlich sollte in einer Gesellschaft der körperliche Schutz gegeben sein – doch zwangsbehandelt wird sehr schnell und meist trifft es Menschen, von denen gar keine Gefahr ausgeht.
Und wie sieht es mit dem berühmten Paragraphen unseres Grundgesetzbuches aus?
“Die Würde des Menschen ist unantastbar?”
Doch kann uns Menschen in der Ausnahmesituation,
einer Zwangsbehandlung, die Würde bleiben?
Für manch Einen unter uns ist es mitunter ein traumatisches Erlebnis, was dann auch noch zum psychotischen Erlebnis (das ja gerade im Kopf vor sich geht, um etwas Schmerzhaftes zu verarbeiten) hinzu addiert wird.
Ich selbst habe vor 2 Jahrzehnten diese Zwangsbehandlung als traumatisch erleben müssen. “Zum Glück” ist das in diesem Jahr revidiert worden.
“Dank” eines zu schnellen Reduzierungsversuches meines Medikamentes und einer schlaflosen Woche ist auch mir diese Zwangsbehandlung leider nicht erspart geblieben.
Doch ich merke, das sich in den letzten 2 Jahrzehnten sehr viel getan hat in diesem Bereich solcher Maßnahmen.
Ich durfte viele behandelnde Menschen treffen, die sehr empathisch waren.
Aber nicht desto trotz gibt es leider in der Gesellschaft noch viel zu viel Unverständnis im Hinblick auf Menschen, die in einer “geistigen Notlage” geraten.
Ich wünsche mir, dass dieses Unverständnis weniger wird und es mehr und mehr Menschen gibt, die verstehen lernen.”
abschließend noch Danielas Statement zu ihre Entscheidung diesen Text unter einem Pseudonym zu veröffentlichen:
Ich habe es mir nicht einfach gemacht.
Ich überlegte hin & her.
Ich habe Vor- und Nachteile gegeneinander abgewägt: ob ich einer Veröffentlichung meines Textes mit meinem vollständigen und richtigen Namen zusage…
Auch wenn ich gerne mit dem Versteckspiel aufhören möchte, denn diese “aufgesetzte Maske” hat mir eine Sozialphobie vom Feinsten beschert.
Obwohl ich ein Menschenfreund bin, habe ich eine Ängstlichkeit gegenüber anderen Menschen entwickelt.
Diese Ängstlichkeit hat ihre Basis sicherlich in der Behandlung, die ich in der Psychiatrie erfahren habe, aber auch steckt hinter der Sozialphobie, die Angst, dass jemand hinter meiner Maske entdeckt, welches Schicksal ich durch habe.
Nämlich, dass ich 3 psychotische Episoden erlebt habe, ich diese allerdings nie ausleben konnte, sondern es bei allen 3 Phasen zur Zwangsbehandlung kam: mit Fixierung und Zwangsmedikation – was teilweise traumatisch in mir nachwirkt und gespeichert ist.
Ich schäme mich dafür.
Dadurch hat sich bei mir der Glaubenssatz “nicht gut genug zu sein” in mir gebildet. Dieser bewirkt einen Verstärker in der Sozialphobie, nämlich die Angst abgelehnt zu werden. Ich hatte bezüglich meiner Namensnennung mir gesagt, dass es mir egal ist, ob mich dann jemand ablehnt von meinen Kontakten und mir die Facebook-Freundschaft kündigt.
Und auch war es mir bewusst, dass dadurch womöglich mir beruflich Steine in den Weg gelegt werden könnten, auch das war mir Anfangs egal, denn ich sagte mir: dass das dann nur zu meinem Besten passiert.
Auf geheuchelte Freundschaft und eine Freundschaft, die auf einer “Unwahrheit” basiert (weil ich was darstelle, was ich nicht bin) und auf Jobs, die meine Vergangenheit “nicht akzeptieren” können und mir daraus Stolpersteine legen, darauf kann ich gut und gerne verzichten, so dachte ich.

Doch ich weiß, dass mir die Öffentlichkeit Angst macht und ich danach tausend-Tode gestorben wäre.
Auch wenn ein berühmter Mann gesagt hat, dass “durch die Angst zu gehen Freiheit bedeutet”.
Leider hat trotzdem in mir die Angst vorerst die stärkere Gewichtung. Wenn man bedenkt, dass ich über 20 Jahre eine Rolle spielen konnte, dann kann man sich so ein Outing nicht innerhalb von ein paar Tagen überlegen. Ich bin noch nicht so weit, um mein Outing diesbezüglich mit meinem korrekten Namen zu versehen.

Aber ich bin derzeit dabei und werde einen Lehrgang zur “Angst- und Stressbewältigung” machen, denn mein Ziel ist es anderen Betroffenen (u.a. auch mit Sozialphobie) zu helfen. Das wird auch mein angestrebtes berufliches Ziel sein. Ich weiß am besten, dass “Selbstbetroffene” am besten anderen Betroffenen helfen können.

… Und kommt Zeit, kommt Rat … ist es für mich denkbar und realistisch, dass ich mich outen werde!”
(..das schrieb Daniela 2019)
Erst vor kurzem hat “Daniela Löwenherz” nun tatsächlich den Schritt getan unter ihrem “richtigen” Namen zu schreiben, ja sie hat sogar ein Buch veröffentlicht!
Dieses ist seit kurzem erhältlich:

#(selbst)STIGMA

Erfahrung mit “psychotischen Krisen”

Daniela Kolk
Biografien & Erinnerungen

In dem Buch geht es um die Erlebnisse, Erfahrung und um das Wissen des Autors rund um das Thema “psychotische Wahrnehmung”. Die Autorin zeigt auf, wie es ihr mit Stigmatisierung ergeht, insbesondere der (selbst)Stigmatisierung.
Auch wird das Thema der Tablettenreduktion behandelt (u.a. in einer Art Tagebuchform & einer abschließenden Einschätzung). Desweiteren beleuchtet die Autorin verschiedene Behandlungsformen.

Artikel von Vera Maria,

Autorin des Buches „Die unheimliche Magie der Psychose“

in Zusammenarbeit mit “Daniela Löwenherz/ Kolk”

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Mein Name ist Vera Maria und ich bin Betroffene einer psychischen Besonderheit ;) Ich weigere mich den Begriff "psychisch krank" zu verwenden, da es sich meiner Meinung nach niemand anmaßen darf zu definieren, was "normal" ist und was "krank". Früher habe ich sehr unter meiner Besonderheit gelitten. Ich hatte starke Ängste und Zwänge und habe durch 4 Suizidversuche mein Leben aufs Spiel gesetzt. Meine Entwicklung war geprägt von Manien und Depressionen und erst mit einer Psychose setzte bei mir Heilung ein. Mir ist bewusst, dass die meisten Menschen Psychose als etwas negatives sehen, aber ich meine in Psychose "eine unheimliche Magie" zu erkennen. Mit der Heilungschance, die Psychose bieten kann, beschäftige ich mich in meinen Büchern. Mein erstes Buch "Die unheimliche Magie der Psychose" wurde 2017 beim "Verlag der Ideen" veröffentlicht. Hier der Link zum Buch: https://verlagderideen.de/portfolio/die-unheimliche-magie-der-psychose/

1 Kommentar

  1. Hallo, vielen Dank erstmal für den Artikel, einen Freundin von mir, hat in mir empfohlen und ich muss schon sagen das er mir aus der Seele spricht, da ich mit der Thematik gut vertraut bin und ich den Ansatz Gut finde, aber wer das Buch von „Klaus Gauger-Meine Schizophrenie“ gelesen hat, wird feststellen das sich Autoren derartiger Bücher in 2 Lager spalten.
    Das Erste Lager ist die Anti-Psychiatrie Fraktion und das zweite Lager sind Psychiatrie Befürworter, zudem auch Klaus Gauger aus gutem Grund zu gehören scheint.
    Er schrieb dazu sowas wie „das es meinst fehlende Krankheitseinsicht sei, die dazu führt das sich Menschen in derartige Lager spalten Lassen“ womit ich nicht meine das sie fehlende Krankheitseinsicht hat. Ich finde es nur wichtig beide Seiten der Medaille zu betrachten und vorzuschlagen, sich auch mal Gründe der Psychiatrie Befürworter anzuhören die sind nämlich garnicht so Unklug, aber wie ich aus anderen Psychose Büchern entnehmen konnte, wird
    in Psychose Seminaren fieberhaft daran gearbeitet, das diese Differenz nahezu verschwindet, damit Betroffene, Angehörige und das Pflegepersonal zueinander Kommen und sich auf Augenhöhe begegnen können. In diesem Sinne „Alle Wesen sollen Glück erfahren“

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