Kurzgeschichte: „Don’t bite in den verdammten Apfelkuchen, Eve!“

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Vorwort:
Meine Schilderung ist die schriftstellerische Umsetzung meiner Eindrücke, die ich in einer geschlossenen Station einer psychiatrischen Klinik in Baden Württemberg gewonnen habe.
Mir ist es wichtig, das Chaos und die Trostlosigkeit einer geschlossenen Station wiederzugeben.
Der „Wahnsinn“ hat bekanntlich schon seit jeher in die geschlossenen Stationen Einzug gehalten, doch auch selbst hilflos diesem „Wahnsinn“
(ich meine damit nicht etwa die Patienten, sondern die veralteten Strukturen, die überfüllte Station, das zu knappe Personal und die fehlenden Gespräche)
über mehrere Wochen ausgeliefert zu sein, das hat mich in meiner “Krankheit” stark zurückgeworfen und ich bete zu Gott, dass ich nie wieder auf eine Geschlossene muss.
Ich wurde im Verlauf dieses Aufenthalts auch zwangsbehandelt und spreche mich seitdem immer für die Therapieform des „Offenen Dialoges“ aus.
Diese Methode weist bei Psychose eine Heilungsquote von 85% auf , basiert auf Empathie sowie Gesprächen und setzt Medikamente nur in Sonderfällen ein.
Ich glaube nicht, dass Menschen in geschlossenen Stationen überhaupt eine Chance bekommen zu genesen, aber die Pharmaindustrie und die Kliniken verdienen weiter gutes Geld an den „psychisch anderen Menschen“ und sind wohl auch damit die wahren Gewinner dieser Behandlung.
Liebe Grüße und viel Spaß beim Lesen,
Vera Maria
🙂

Don’t bite in den verdammten Apfelkuchen, Eve!“

 

Nun bin ich schon einige Tage im „Intensivbereich“ der geschlossenen Station einer Psychiatrie in Baden Württemberg.
Intensivbereich“, das hört sich irgendwie so nett an, aber das ist für mich die Bezeichnung meiner ganz persönlich erfahrenen Hölle, die ich dort erleben musste. Aber falls in der Hölle auch Humor ein probates Mittel sein sollte, dann ließe sich sagen, dass die Erkenntnis des österreichischen Kabarettisten Josef Hader, wonach das Leben eine Folge von Katastrophen sei und es dazwischen langweilig wäre, wohl nirgends stärker zuträfe als in so einem „Intensivbereich“.
Die Verniedlichung „Intensivbereich“ insinuiert die Vorstellung, als würden Patienten dort besonders intensiv durch Arztgespräche und Pflegefürsorge betreut werden. Immerhin, ist man Privatpatient, dann gibt es ein Stück Kuchen zum Mittagessen oder ein Dessert nach dem Abend-essen gratis, was jedoch auch die wenigsten der so Privilegierten als Riesenschritt in Richtung seelische Genesung werten.
In der Regel jedenfalls besteht das Abendessen lediglich aus zwei Scheiben Brot und irgendeinem billigen Belag.
Heute gibt es „Zungenwurst“. Wem das schmecken soll, weiß ich nicht. Mich ekelt diese Zungenwurst regelrecht an, wie sie so vor mir auf dem Teller liegt und sogar noch die Zunge des armen Schweines mich hämisch anzugrinsen scheint, so als würde sie mir sagen wollen: „Irrtum, Vera, auch im „Intensivbereich“ gibt es kein Dessert, sondern nur die tote Zunge eines toten Schweines, das dir nichts mehr zu erzählen hat. Iss mich einfach und halt’ die Klappe!
Ich schmecke ganz vorzüglich und lecker, nach gekochter Zunge eben, und vergiss nicht:
ICH BIN PURES FLEISCH!!“
Wenige Tage im „Intensivbereich“ genügten, um mich zu desillusionieren.
Es gibt hier weder intensivere Gespräche mit dem Personal noch eine individuelle ärztliche Betreuung, geschweige denn ein Dessert. Die Zungenwurst jedenfalls widert mich einfach nur an, denn seitdem ich wieder psychotisch bin, schmeckt mir Fleisch nicht mehr. Aber nicht nur ich scheine von der Zungenwurst angeekelt zu sein, wie ich erschrocken feststelle, als ich einen schrillen Schrei am Tisch rechts neben mir höre. So richtig scheint heute das Abendessen niemand in Richtung psychische Gesundung katapultieren zu wollen.
Die Klinik ist in diesen Momenten für mich das Tor zur Hölle mit ihrem überforderten Personal, den auf das Engste zusammengepferchten Mitpatienten – jeder hochgradig psychotisch und ohne jegliche adäquate psychologische Behandlung.
Nur die grauenvolle Zungenwurst starrt mich noch immer vom Teller her an, als scheine sie zu flehen: „Iss mich, iss mich, ich war die Zunge eines Schweines, das ihr Menschen ohne jegliche Scheu und Skrupel ermordet habt, damit ich jetzt auf deinem Teller liegen und dich höhnisch angrinsen kann! Iss mich, iss mich! JETZT ISS MICH HALT EINDLICH, damit ich nicht ganz umsonst verreckt bin!“
Ich gebe der Zungenwurst Recht, wir Menschen sind wirklich abscheuliche Wesen und beschließe ab jetzt vegan zu leben. Warum mir das eigentlich nicht früher klar geworden sei, denke ich mir und ärgere mich über die Dreistigkeit, Abgestumpftheit und fehlende Empathie der Menschen gegenüber empfindungsfähigen Tieren, die sie skrupellos für den Fleischgenuss töten.
Da fällt mir wieder der Schrei rechts neben mir ein – meine Konzentration und Aufnahmefähigkeit sind bei täglich 6 mg Risperidal, 20 mg Diazapam, 800 mg Serquel Retard und 1125 mg Lithium gerade nicht die Besten.
Ich war gerade so in meinen Gedanken und guten veganen Vorsätzen gefangen, dass ich mein Umfeld komplett ausgeblendet hatte, denn erst jetzt registriere ich bewusst die Anwesenheit meiner Mitpatienten, die mit mir im kleinen Essraum an einem langen Tisch sitzen. Manche starren einfach durch hohe Dosen an Medikamenten wie zugedröhnt auf ihren Teller und betrachten wohl auch mit einem gewissen Grad an Fassungslosigkeit die ihnen servierte Zungenwurst. Einer schlingt sein Brot mit einem Biss hinunter, während eine junge Frau schon wieder schreit.
Von ihr muss auch der vorherige Schrei gekommen sein, schlussfolgere ich mit meinem durch Neuroleptika stark vernebelten Gehirn. Da ich sie noch nie gesehen habe, scheint sie hier neu zu sein, und so lenke ich die Aufmerksamkeit, zu der ich noch fähig bin, ganz auf sie.
Sie ist schön, hat ein zauberhaftes Puppengesicht mit vollen rosigen Lippen und auch ihre Wangen sind leicht gerötet, wohl auch deshalb, weil sie sehr aufgeregt zu sein scheint. Ihr blondes, leicht welliges Haar schaut sehr zerzaust aus, und ihre grünen Augen funkeln ärgerlich und verstört. Ihre Wimperntusche ist verschmiert, während ihre Augenwinkel nervös zucken. Dann schließt sie ihre Lippen kurz zu einem graziösen Schmollmund, spitzt sie zu einem Kussmund, um dann plötzlich und ohne ersichtlichen Grund jäh zu brüllen. Hatte sie die ersten zwei Male nur geschrien, ähneln ihre Laute nun dem tosenden Brüllen und Kreischen kriegslüsterner Amazonen im Schlacht-getümmel. Schon naht auch das Pflegepersonal, die Retter in der Not, um in barmherziger Mission einer psychisch „kranken“ Seele mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und sie aus einer Hölle zu retten, wie sie Dante nicht trefflicher hätte ausmalen können. Doch das Personal tut das, was es immer tut, wenn auf der Geschlossenen im „Intensivbereich“, wo noch viel strengere Regeln gelten, die dem kompletten Durchdrehen bei durchschnittlich jedem zweiten Patienten Vorschub leisten, eine arme Seele an den Rande des Wahnsinns gerät. Es reagiert nämlich höchst professionell und gemäß seiner „fachlichen“ Schulungen, egal ob der Patient nun in der Psychose ist oder einfach nur wegen der Isolierung in der Geschlossenen durchdreht: Objekt der Störung aufgespürt mit Schlussfolgerung: Hier ist eine junge Patientin in höchster emotionaler Aufwühlung und Wut, die in die Isolierzelle gesperrt werden muss! Objekt der Unruhe umzingelt, Objekt der Unruhe brüllt, welch ein Wunder, noch lauter!
Erst jetzt sehe ich den Schrecken im Gesicht der jungen Frau, den auch ihr krampfhaft geschlossener Mund zusätzlich unterstreicht: Ihre roten Lippen umschließen verkrampft ihre Zähne, auf die sie aber jetzt den Blick freigeben und die man wohl nur mit etwas Phantasie noch als solche bezeichnen kann: braun, verfault und schief stehen sie wie einsame alte verfaulte Weidepflöcke vereinzelt im Mund. Ich stehe jetzt dicht neben ihr und nehme auch intensiv ihren schlechten Atmen wahr. Vorbei ist die Illusion, eine geheimnisvolle Schönheit vor mir zu haben.
Und da glaube ich auch ihren Wesenskern zu erkennen: Diese junge Frau trägt die biblische Eva in sich.
Doch ich kann nicht lange meinen – wohl durchaus psychotischen – Gedanken nachhängen, denn Eva brüllt immer noch wie besessen. Das Personal bildend nun um Eva einen Kreis, als auch schon die alarmierten Securities der Klinik herbei eilen. Eva fühlt sich sichtlich zunehmend bedroht und will gar nicht mehr aufhören zu brüllen und zu kreischen.
Ich höre das Personal eifrig diskutieren: „Geben wir ihr doch eine Beruhigungsspritze!“ „Nein, besser, wir schließen sie doch gleich in das Beruhigungszimmer ein.“

 

In meinem Wortschatz würde die „Beruhigungsspritze“ „Zwangsmedikation“ heißen und das „Beruhigungszimmer“ „Isolierzelle“, aber ich habe schon festgestellt, dass das Personal bezüglich seiner mittelalterlichen Methoden zu euphemistischen Ausdrücken neigt.
Das Personal kann sich noch immer nicht entscheiden, was Eva nun wohl gut tun würde, ob nach ihrem „individuell mutmaßlichen Willen“ ihr wohl eher eine gewaltsame Spritze in die Hüfte oder ein Aufenthalt in der Isolierzelle besser gefallen würde – oder vielleicht wäre gar Beides der Besserung zuträglich; denn nach seinem „individuellen mutmaßlichen Willen“ muss ein Patient behandelt werden, wenn er, wie gerade unsere Eva, nicht mehr „entscheidungsfähig“ ist.
Ist aber jener „individuelle mutmaßliche Wille“ nicht bekannt, muss auf Kriterien zurückgegriffen werden, die allgemeinen Wertvorstellungen entsprechen. So will es das Gesetz.
Ein verständnisvolles Gespräch mit ihr oder die Frage an sie, was denn der Grund ihrer Aufregung sei, scheint dem Personal so gar nicht in den Sinn zu kommen.
Meine neue Freundin Eva habe ich jedenfalls schon ins Herz geschlossen, wohl auch, weil ich die Reaktion auf ihren ersten Tag in der Geschlossenen äußerst verständlich finde. Ich sollte sie aber erst am nächsten Tag beim Mittagessen wieder sehen, denn sie hatte sich mit ihrer Brüllerei eine Übernachtung in der Isolierzelle gesichert und sah nach dieser Nacht im Beruhigungszimmer (ES IST EINE ISOLIERZELLE!!!) doch sehr mitgenommen aus. Ihre blonden Haare waren noch zerzauster und sie hatte sich auch abgeschminkt, die schwarze, verschmierte Wimperntusche beseitigt, aber nun fielen ihre dunklen, fahlen Augenringe umso mehr auf. Ihre giftgrünen Augen, die mich an die Farbe einer Schlange, die ich einmal gesehen hatte, erinnerten, blickten ziemlich erschöpft auf das Tablett mit ihrem Mittagessen.
Plötzlich bemerke ich, wie sich ihre Augen erschrocken weiten und sie schon wieder zu kreischen und zu brüllen ansetzt. Instinktiv berühre ich ihre Hand und fragte sie: „Eva, kann ich dir irgendwie helfen?“ Sie sieht mich mit einem Ausdrucks des blanken Entsetzens in ihrem hübschen Gesicht bestürzt und doch auch recht verwundert mit großen Augen an. Ich glaube, dass der Grund ihres Entsetzens anscheinend tatsächlich ihr Mittagessen ist und sie insbesondere durch einen großen, dicken roten Apfel, der auf ihrem Tablett liegt, verstört zu sein scheint. Dann sieht mich Eva zögerlich an und fragt in perfektem Englisch: „Why do you know my name?“ Ich frage mich im Stillen, ob ich ehrlich sein solle und denke einen Moment nach.
Soll ich ihr sagen, dass ich seit meiner ersten Psychose vor 3 Jahren in Menschen manchmal mehr sehe als ihr Äußerliches und dass ich Menschen anhand ihrer Ausstrahlung und ihres Charakters Symbolfiguren zuordne, die spiritueller Natur sind? Sollte ich Eva, die anscheinend wirklich Eva heißt, sagen, dass ich in ihr die Symbolfigur der biblischen Eva erkenne? In dieser Situation, die augenscheinlich nahe am Eskalieren ist, beschließe ich darauf zu verzichten, lächle Eva liebevoll an und antworte ihr: „Intuition! Are you from England?“ Eva, die nun etwas entspannter wirkt, lächelt schüchtern zurück, entblößt ihr schreckliches Gebiss und flüstert mit rauer Stimme: „Yes, I’m from Skipton, a town in Yorkshire, in England. I don’t know what I am doing here. I can’t remember anything. And they always give me fucking apples to eat. Yesterday there was this fucking apple on my tablet, green coloured and they wantet me to eat this for dinner. Today there is a fucking apple for lunch on my tablet. This feels like hell. I hate apples so much. I am such as allergic to apples as I hate apples only for being apples. Apples are creapy and make me feel uncomfortable. Some people are afraid of spiders, I am afraid of apples! Sometimes I think apples remind me of a big trauma, from a long, long time ago.“
Ich betrachte Eva, wie sie nun so gar nicht mehr brüllend und tobend, sondern ruhig und in sich gekehrt dasitzt und in sich versunken über ihr Apfeltrauma nachdenkt. Mir fällt ein, dass ich einmal gehört habe, wie eine Frau in ihrer Schwangerschaft ganz besessen davon war, Kiwis zu essen, um ihr Kind von Geburt an vor einer „Kiwi-Allergie“ zu schützen. Und war die biblische Eva, die uns Menschen so erfolgreich unseren Aufenthalt im Paradies verdarb, nicht auch davon besessen, Äpfel zu essen? Vielleicht wurde deshalb diese junge Eva, die wohl Energien der biblischen Eva in sich trägt, mit einer schweren Phobie gegen Äpfel gestraft. Arbeitet meine Mitpatienten Eva karmische Impulse ihrer biblischen Namenspatronin ab? Arbeitet Eva ein „Apfeltrauma“ aus längst ver-gangener Urzeit auf?
Doch ich ahne bereits, dass meine Gedanken wohl einer psychotischen Verwirrtheit gleichen, die ich in letzter Zeit öfter erlebt habe und die mir auch den Aufenthalt in dieser Geschlossenen einbrachten, und so lenke ich meine Aufmerksamkeit wieder darauf, meine Mitpatientin vor einem erneuten Aufenthalt in der Isolierzelle zu bewahren, indem ich sie weiter zu beruhigen versuche.
Doch ich weiß nicht recht, was ich sagen soll, und so streiche ich nur flüchtig über ihr blondes, zersaustes Haar und blicke sie mitfühlend an.
Should we make the apple away, Eva?“, frage ich in brüchigem Englisch, da ich seit der Schule nicht mehr wirklich Englisch gesprochen habe. Eva blickt mich erleichtert an und antwortet: „My name is not Eva, it’s Eve!“ Auch recht, denke ich mir spontan, Eve passe ja auch viel besser zu einer jungen Symbolfigur der Eva, deren Energien uralt und weiblich sind. Eve steht also für eine junge Reinkarnation der Eva.
Ich muss mit mir schimpfen: Ich habe eine sehr schlechte Konzentration durch die sogenannte Akutmedikation, die mir die Ärzte hier wegen meiner Psychose verschreiben, denn sie bedeutet eine noch höhere Medikamentendosis für mich. Und ob ich das will, wurde ich nie gefragt.
Wegen meiner schlechten Konzentration habe ich schon wieder die wichtigste Problematik aus den Augen verloren: Eve und ihren dicken roten Apfel – wohl Eves ganz persönliche „Zungenwurst“.
Schon wieder habe ich mich zu psychotischen Gedankengängen verleiten lassen.
Diese wären Formen des „behandlungsbedürftigen Wahnsinns“, wie mir der hier zuständige Arzt und Psychiater versicherte, als ich schüchtern versuchte, ihm meine Gedankenwelt zu verdeutlichen. Was aber der gute Mann nicht weiß: Ich liebe psychotische Gedankengänge wie diese in Bezug auf die der Symbolfigur Eva!
Um wieder auf Eve zurückzukommen: Da ich bemerke, wie sich Eve langsam wieder auf den Apfel konzentriert und ihre Mundwinkel schon nervös zu zucken anfangen, beschließe ich, den Apfel in den Müll zu werfen.
Aber da ich seit der Psychose noch stärker ein sehr globales, ökologisches Bewusstsein entwickelt habe, ändere ich spontan wieder meinen Entschluss und stecke den Apfel in meinen Rucksack, um ihn zum einen aus Eves Sichtfeld zu entfernen und zum anderen, um später in der Nacht etwas zu essen zu haben.
Ich bekomme durch die Medikamente immer nachts sehr großen Hunger und da ich eingesperrt im „Intensivbereich“ bin, kann ich auch nicht an den vom Personal begleiteten Einkäufen im ohnehin völlig überteuerten Klinikkiosk teilnehmen, weshalb ich täglich mit den drei kleinen Mahlzeiten auskommen muss. Wenn dann zum Abendessen „Zungenwurst“ dargebotenen wird, bedeutet dies schon einen größeren Verlust, als wenn man einfach so zum Supermarkt um die Ecke gehen und sich noch ein Brötchen holen kann.
Also eine Win-Win-Situation: Eve muss den Apfel nicht mehr sehen und kann sich beruhigen, ich habe eine junge Symbolfigur der Eva getroffen und heute Nacht etwas zu essen.
Der nächste Tag: Ein sonniger, warmer Sonntag, ein typischer Sommertag, von dem wir Patienten in der Geschlossenen aber wenig haben – wir können die Sonne nur durch das Fenster blickend „genießen“. Es ist schon wieder brütend heiß im „Intensivbereich“ hier im dritten Stock ohne Klimaanlage.
Ich sitze noch sehr verschlafen und ungeduscht am Mittagstisch in unserem Essensraum und kann die Augen kaum offen halten, weil meine Abendmedikamente immer noch nachwirken. Die 800 mg Seroquel Retard haben es in sich. Wenn ein Medikament retadierend wirkt, bedeutet dies, dass es nicht sofort seine ganze zweifelhafte Wirkung entfaltet, sondern über einen längeren Zeitraum bis zu 24 Stunden verteilt wirkt.
Bei mir ist die Wirkung von 800 mg retadierendem Seroquel jedenfalls nicht zu übersehen. Obwohl ich fast bis Mittag geschlafen habe, brennen meine Augen wie verrückt vor Müdigkeit, aber dennoch starre ich trotzdem „irgendwie zugedröhnt“ ins Leere.

 

Da kommt eine ältere Pflegerin in den Raum und sperrt den abgeschlossenen Essenswagen auf.
Anschließend bekommt jeder sein Tablett mit seinem jeweiligen Mittagessen.
Als ich mich schon ärgern will, dass es nicht einmal sonntags ein Dessert nach dem Essen gibt, höre ich die Pflegerin voller Elan und sichtlicher Begeisterung verkünden: „Die offene Station hat heute Kuchen gebacken. Ihr bekommt natürlich auch jeder ein Stück!“ Durch die frohe Botschaft aus meinem Halbschlaf gerissen, frage ich gespannt und voller freudiger Erwartung die Pflegerin: „Kuchen? Welchen Kuchen?“ Die Pflegerin, sichtlich erfreut, uns Patienten einmal etwas Erfreuliches mitzuteilen, strahlt über das ganze Gesicht.
Nun sind auch die übrigen Patienten aus ihrem lethargischen Verhalten herausgerissen, denn normalerweise blicken fast alle ins Leere, reden mit sich selbst oder brabbeln einfach vor sich hin. Manchmal kann auch in einer Wohlstandsgesellschaft noch Kuchen ein Grund zur Freude, ja sogar zur Aufregung sein. Real-Life in der Geschlossenen eben.
Eve fehlt noch. Sie ist anscheinend noch nicht zum Mittagessen erschienen. Sie ist auch die einzige Mitpatienten, mit der ich mich näher unterhalten habe. Ich schaue mich mit suchendem Blick nach ihr um, aber sie schläft wahrscheinlich noch. Sie habe ja auch ein paar harte Tage hinter sich, denke ich mir und frage erneut die Pflegerin, welchen Kuchen es denn heute gebe, aber dann sehe ich, dass die Pflegerin abgelenkt ist.
Der alte Herr rechts neben mir, in dem ich immer die Symbolfigur Hitler sehe, hat einen Schluck-auf, wie die Pflegerin fachkundig feststellt, und zwar einen der übelsten Sorte. Fast klingt es so, als würde er ersticken.
Prustend und keuchend, dem Ersticken nahe, versucht der alte Mann sich bemerkbar zu machen, um Hilfe zu erhalten. Die Pflegerin beugt sich zu ihm herab, um ihm mitfühlend auf den Rücken zu klopfen. Dabei starrt der alte Herr mit gierigem Blick auf die Brüste der Pflegerin, die sich nun in seinem direkten Sichtfeld befinden.
Ich bezweifle, ob das Unterfangen der Pflegerin wirklich hilfreich ist und betrachte amüsiert, wie der alte Mann den sich ihm bietenden Ausblick sichtlich genießt. Spontan beschließe ich, den alten Mann innerlich „Adi“ zu nennen, weil ich in ihm eine Symbolfigur Hitlers erkannte, als ich ihn das erste Mal sah.
Ja, auch Hitler wird alt, denn durch Adis dünne Leinenhose schimmert seine Windel oder Einlage. Neben Adi steht sein Rollator, den er zur Fortbewegung braucht. Aber nun hat Adi einen immensen Schluckauf. „Geschieht ihm auch Recht, hat ja auch fast ein ganzes Volk auf dem Gewissen“, denke ich mir und wieder einmal verschwimmt für mich die Realität mit meinem psychotischen Gedankengut. In diesem Moment bin ich nicht mehr zur Differenzierung fähig, um zu erkennen, dass Adi eigentlich nur in meiner Interpretation die „Energien Hitlers“ in sich trägt, die für ein hasserfülltes Bewusstsein stehen, und Adi gar nicht Adolf Hitlers „Ich“ als alter Opa ist, sondern einfach nur ein alter Mann, der vielleicht sogar noch den zweiten Weltkrieg miterlebt hat, aber natürlich nicht persönlich in der Rolle des Führers.
Aber alles geht einmal vorüber und auch Opa Adis Schluckauf sollte nicht mehr von langer Dauer sein.
Ich frage mich inzwischen, ob Opa Adis Schluckauf vielleicht nur Schluckbeschwerden waren, die durch sein krümeliges und bröseliges Mittagessen ausgelöst wurden.
Meinen Opa Adi mit seinen großen Alters- und Schluckbeschwerden in eine „normale“ geschlossene Station zu stecken statt in eine Gerontopsychiatrie und ihm die Quelle des Unheils, eine krümelige Pampe, wiederholt zuzuführen, halte ich in diesem Augenblick für nicht besonders klug, zumal die Pflegerin nun dazu übergangen ist, eben diese Pampe, sein Mittagessen, ihm mit sanftem, aber doch gewissem Nachdruck in seinen Mund zu schieben, um nicht zu sagen, zu stopfen. Es dauert auch nicht lange und Adi hat wieder einen Hustenanfall, der nun definitiv nicht mehr als einfacher Schluckauf bezeichnet werden kann.
Ich muss mich ärgern. Erstens weiß ich immer noch nicht, welchen Kuchen es geben wird und zweitens scheint die Pflegerin total unfähig zu sein, worüber ihre schönen Brüste auch nicht hinweg täuschen können, auch wenn Opa Adi sie immer noch gierig anstarrt, und zwar trotz seines langsamen, aber sicher nahenden Erstickens. Während dessen stopft die Pflegerin Adi aber immer noch die mehlige braune Pampe in den Mund.
Ich habe in der Geschlossenen oft den Drang zu helfen, wohl auch aufgrund meines Helfersyndroms, aber auch, weil hier einfach furchtbar viel schief läuft, und so rufe ich erneut nach der Pflegerin. Diese lässt daraufhin von Adi ab und wendet sich mir zu. Adi blickt der Pflegekraft mit einem verzweifelten Blick nach und ich habe den Eindruck, dass Adi das nahende Ersticken für den weiteren Ausblick auf ihre Brüste wohl gerne weiter in Kauf nehmen würde.
Hat die Pflegerin Opa Adi etwa an seine große Liebe Eva Braun erinnert? Denn die Pflegerin hat auch eine ähnliche Frisur wie Eva Braun – dunkelblond, kurze Haare, Dauerwelle“, sinne ich vor mich hin und taxiere die Frau mit wachsendem Interesse sowohl bezüglich ihrer äußerlichen Erscheinung als auch ihrer energetischen Beschaffenheit. Und schon steuert sie geradewegs auf mich zu, um mir meine Frage nach der doch so eigentlich wichtigen Beschaffenheit des Kuchens endlich zu beantworten. Sie hat tatsächlich so eine Frisur, wie jene Frau, die ich von den alten Fotos der Geliebten Hitlers – dem Führer der geistigen Unterschicht – kenne.
Das Bewusstsein eines Nazis ist fast immer zwangsläufig von stupider, primitiver Natur und eher ziemlich weit „unten“ einzuordnen, also ein niedriges Bewusstsein, wovon ich überzeugt bin.
Doch ich merke rasch, nachdem ich mit dem letzten Rest meines intuitivem Gefühls (was mir eben bei der verordneten Medikamentendosis noch bleibt) die Energien der Pflegerin abtaste, dass auch die Pflegerin wohl geistig eher auf Sparlampe fährt.
Noch keine bedeutenden Symbolfiguren beim Pflegepersonal vorhanden und schon gar nicht eine so bedeutende wie die der Eva. Wie so oft bei Pflegekräften, die durch ihre meistens niedrige Bewusstseinsstufe völlig ungeeignet für die Betreuung „spirituell Erwachender“ sind….
Wenn die nur wüssten, was hier mit uns Patienten eigentlich vor sich geht, wenn die nur wüssten, dass sie genau die Falschen behandeln, dass wir „Verrückten“ eigentlich die „Normalen“, „Genesenden“, die „Erwachenden “sind…Schweine sind sie! Idioten sind sie! Die haben keine Ahnung!!!!“, flackert meine Wut in Gedanken gegossen durch meinen Kopf.
Doch bevor ich mich noch weiter in meine, wie ich finde, gerechte Wut hineinsteigern kann, steht die Pflegerin auch schon vor mir und offenbart mir mit einem strahlenden Lächeln auf ihrem einfältigen Gesicht laut herum posaunend, dass es heute „Apfelkuuuuuchen“ gebe. Im ersten Moment freue ich mich, doch dann läuten bei mir alle Alarmglocken. Wie mag es wohl der armen Eve ergehen, wenn gleich die ganze Station Apfelkuchen futtert? So schicke ich ein kleines Stoßgebet Richtung Himmel, dass Eve heute nicht zum Mittagessen erscheinen möge, denn ich bin mir sicher, dass ihr ein weiterer Brüllanfall eine erneute Übernachtung in der Isolierzelle garantieren würde.
Ich blicke um mich: Die meisten Patienten ignorieren ihr Mittagessen oder essen nur halbherzig ein paar Bissen, und alle scheinen nur noch einen Gedanken zu haben: „Wo bleibt der verdammte Apfelkuchen? Wo bleibt die Abwechslung?“
Warum ist das so? Wenn man sich „nur“ in einer offenen Station einer Psychiatrie befindet, dann hat man in der Regel Therapiestunden und man kann rausgehen in den Klinikpark.
Ich hatte meistens Arbeitstherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie, Ergotherapie und Sport. Es gibt wirklich ein gutes und vielseitiges Angebot. Aus den obigen Schilderungen ist unschwer zu erkennen, dass ich eine Gegnerin der heute meist gängigen Psychiatriepraxis bin.
Aber dieses Therapieangebot, zumindest in den Kliniken meiner Aufenthalte, ist wirklich ein großer Pluspunkt für diese. Auch der Park ist ein großer Vorteil für die Patienten. Ich genoss in ihm viele schöne Stunden der Entspannung und erlebte dort das befreiende Gefühl, der Psychiatrie wenigstens ein paar Stunden entfliehen zu können.
Aber auf der geschlossenen Station darf man höchstens eine Stunde, wenn überhaupt, in einen abgegrenzten und abgesperrten Teil des Gartens. Therapieangebote entfallen in der Regel auch.
Es gibt Stunden, da kriecht die Zeit unwillig und schleppend – wie ein Feuer, das sich nur lustlos schwellend durch feuchtes Holz frisst – durch die Korridore und Zimmer der Geschlossenen. Dann wieder fallen dunkle psychotische Energien, diese Marodeure und Hasardeure innerer Welten, wie Furien über unsere geplagten Seelen her, um uns im rasenden Wechsel sowohl schreckliche als auch phantastische Bilder auf die imaginären Leinwände unserer bizarren Kopfkinos zu malen.
Somit sind die drei Mahlzeiten am Tag die einzigen Abwechslungen. Am Sonntag sind es sogar vier Highlights: Zusätzlich zum Frühstück, Mittagsessen und Abendessen gibt es noch den sogenannten „Kaffeeklatsch“ mit Kuchen, den die offene Station gebacken hat. Wir hier auf der Geschlossenen dürfen keinen Kuchen backen, bekommen aber jeder und jede ein Stück ab. Es gibt hier für alles und jeden zum Teil sinnlos anmutende Regeln. Doch da eben das Essen das einzige ist, was an Programm für die geschlossene Station und den „Intensivbereich“ geboten wird, erlangt die Nahrungsaufnahme einen ganz besonderen Stellenwert. Doch das Essen, das die Küche der Psychiatrie uns auf das Tablett stellt, lässt wahrlich oft zu wünschen übrig. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht, denn im Leben beruht alles auf der Notwendigkeit der Gegensätze. Versteht man das, versteht man Vieles – ein Bekannter hat diese Einsicht sogar als Schlüssel zum Erwachen bezeichnet. Und so gibt es doch noch Hoffnung für das „Essensdilemma“ in der Klinik: den Pizza-Service. Doch auch hierzu hat meine Station eine Regel: Die Pizza darf nur bis 19 Uhr bestellt werden. Doch wo etwas Licht ist, ist auch wieder Schatten (weil ein Yang sein Yin braucht), und daher gibt es bei der Pizza-Bestellung auch einen Haken: Die meisten Patienten auf der Station haben kein Geld, weil das Personal es ihnen abgenommen hat. Natürlich kriegen wir unser Geld wieder, aber vorerst werden jedem Patienten, der in den „Intensivbereich“ kommt, seine persönlichen Wertgegenstände abgenommen – auch Smartphones und Laptops.
Darin liegt ein weiterer Faktor für das Durchdrehen einiger bedauerlicher Individuen, die im „Intensivbereich“ Obdach finden, da man nun außer Essen gar keine andere Beschäftigung mehr hat.
Nein, ich will ehrlich sein und nicht lügen. Wir „Verrückten“ vom Intensivbereich haben alle ein gemeinsames Hobby, etwas, das uns tief verbindet und dem wir uns immer wieder mit großer Leidenschaft hingeben: dem Kettenrauchen von selbstgedrehten oder gestopften Zigaretten.
Eine „Geschlossenenbonze“, also jemand, der in der Geschlossenen sein Geld von den Pflegern durch „gute Führung“ wieder bekommen hat, erkennt man daran, dass er bis spätestens 19:00 Uhr seine Pizza in der Pappschachtel geliefert bekommt und in dekadent anmutender Weise eine Fertig-Zigarette Marke Marlboro raucht. Das sind dann für einige Zeit die beliebtesten Patienten auf der Station, denn in der Psychiatrie wimmelt es von Schnorrern.
Das Raucherzimmer ist neben dem Essensraum, der durch einen abgeschlossenen und nur zu gewissen Zeiten eingeschalteten Fernseher und eine unbequeme Sitzbank auch zum „Wohnzimmer“ wird, der soziale Treff- und Sammelpunkt für uns Patienten. Und fast jeder Patient raucht auch.
Aber zurück zu meinen konkreten Erlebnissen beim Mittagessen. So werde ich diesmal durch einen Schrei, den ich sofort meiner lieben neuen Freundin Eve zuordnen kann, aus meinen Gedanken gerissen. Als ich mich in Richtung Eve umdrehe, deren Schreie nun durch den Raum schallen, bietet sich mir eine Szene, die ich wohl nie wieder aus meinem Kopf werde verbannen können: Eve steht etwas abseits neben einem Tisch, auf dem der teilweise noch verpackte Kuchen steht. Wir sind ja auch erst gerade beim Mittagessen und es ist jetzt eigentlich auch noch nicht „Kaffeeklatschzeit“, folglich auch noch keine Kuchenzeit.
Es hat aber den Anschein, dass Eve, die außer einem umgewickelten weißen Bettlacken unbekleidet ist, schon vorher von dem Kuchen naschen wollte, denn ihre hervorquellenden giftgrünen Augen starren schockiert auf den Rest des Kuchenstücks, das sie sich gerade in den Mund gesteckt hat.
Dabei schafft es Eve trotzdem irgendwie so zu brüllen, wie sie wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben gebrüllt hat! Dann spuckt sie, so schnell wie sie nur kann, das Kuchenstück wieder aus.
Aber es hat sich ein Stück Apfel in ihren grauenvollen Zähnen (die nun wahrlich wie Fangzähne wirken) verfangen und Eve versucht nun prustend und spuckend den letzten Rest Apfel loszuwerden.
Dabei zappelt sie wie wild mit den Armen und es kommt, wie es kommen muss: Eves nur notdürftig umgewickeltes Leintuch rutscht ihr bis zur Hüfte herunter und nun steht sie obenrum komplett nackt da…Im Raum herrscht für einen kurzen Moment eine angespannte Stille, dann quiekt Opa Adi (oh großes Wunder) freudig: „Ja mei, heid is mei Glückstag!“ Es ist für mich das erste Mal, dass ich Opa Adi sprechen höre. „Anscheinend ist er aus Bayern, ich dachte immer Hitler wäre Österreicher..“, grüble ich kurz, und wieder einmal werde ich ein Opfer des Trugschlusses, der eine Psychose meist entstehen lässt: Ich interpretiere Symbole auf der falschen Ebene, denn ich spüre bei Opa Adi „Hitlerenergien“, die für niederes Bewusstsein stehen, was aber nicht heißt, dass Opa Adi tatsächlich Hitlers Reinkarnation persönlich ist, sondern nur, dass er ähnliche Energien in sich trägt. Doch zu dieser Differenzierung bin ich in diesen Momenten nicht mehr fähig. Zudem macht Opa Adi auf mich den Eindruck, als wäre er mit den niederen Energie der „Notgeilheit“ mehr als gesegnet.
Eve merkt in diesem Moment nicht, dass sie bis zur Hüfte nackt vor uns steht. Sie ist noch durch den Schock wie gelähmt, den ihr Biss in eine Nachspeise verursachte, die sich zu ihrem Entsetzen als ein Stück Apfelkuchen herausstellte.
Während Eve noch immer wie wild mit den Armen rudert und dabei wie eine Furie aussieht und Opa Adi gierig auf Eves nackten Oberkörper glotzt, eilt die Pflegekraft mit der blonden Dauerwelle schon herbei. Sie hüllt Eve wieder in ihr Leintuch, was ihr aber nur mit größter Mühe gelingt, denn Eve will schon wieder mal in voller Panik so gar nicht zu schreien und mit den Armen zu zappeln aufhören.
Arme Eve, sie wird aber auch regelrecht verfolgt von ihren verhassten Äpfeln, vor denen sie sich auch noch so fürchtet. Hat Eve tatsächlich das Apfeltrauma der Eva des alten Testaments geerbt? Für die biblische Eva muss es ja auch ein riesiger Schock gewesen sein, als sie gleich samt ihrem Anhängsel Adam aus dem Paradies vertreiben wurde, nur weil sie von einem einzigen Apfel genascht hatte, auch wenn dieser dezent von Gott als „verboten“ bezeichnet war. Wieso musste Eva denn auch ausgerechnet in die einzige Obstsorte beißen, die verboten war? So wie Eve nun von dem Kuchen naschen musste, von dem frühzeitig zu kosten verboten war, denn die offizielle Stunde des Kaffeeklatsches hatte ja noch nicht begonnen. Die Gier und Schuld der Eva und nun die Gier ihrer Menschentochter Eve, ein Dilemma, welches die eine Schale der kosmische Waage mit unendlicher kollektiver menschlicher Schuld füllt“, philosophiere ich für mich in einem inneren Monolog?
Ich bin ganz fasziniert von meinen psychotischen Gedankengängen und sinniere weiter:
Sind wir Menschen gefallene Engel? War der erste gefallene Engel Eva? Ist die Eva der Bibel eine Symbolfigur für den menschlichen Sündenfall, wodurch im Anschluss daran durch das Auftreten von Sexualität und der weiteren Manifestation der Geschlechtertrennung das kosmische Urgleichgewicht verschoben wurde? Sind wir dadurch der göttlichen und der himmlischen Sphäre nicht würdig? Ist die Erde ein riesiger Gefängnisplanet für Wesen, die es auf gut deutsch gesagt „vor Gott verkackt haben“?“
Doch dann werde ich durch die Realität aus meiner in diesem Moment ganz persönlichen Matrix herausgerissen. Mein tatsächliches Umfeld ist in diesem Moment von einer immer noch völlig hysterischen Eve geprägt. „Immer diese Evas… einfach unverbesserlich..“, denke ich mir und
steigere mich langsam, aber doch sicher in eine ungeheure Wut hinein. Seit ich psychotisch bin, spüre ich doch auch tatsächlich wieder meine Gefühle, die mir für gewöhnlich durch das Risperidal und das „liebe“ Lithium abhanden kamen.
Verdammt, warum sind diese Evas so gierig? Hat Eve den Sündenfall durch ihren Biss in den Apfelkuchen gerade wiederholt? Sind jetzt die Menschen endgültig verloren?
EEEVVVEEEE!!!!! Duuu Miiiiststüück!!!“, zische ich halblaut vor mich hin und starre dabei voller Hass und Missgunst die herumfuchtelnde und wild gestikulierende Eve an. Schon bin ich am überlegen, ob ich ihr eine Beleidigung zurufen soll.
Ich bin in meinen Psychosen wirklich immer sehr emotional, obwohl mein Therapeut Sebastian mich sonst als einen eher rationalen Menschen bezeichnet.
Hat Eva es nie überwunden, dass sie uns Menschen das Paradies raubte….? Gut, dass Maria durch Jesu Geburt den Menschen das Paradies auf Erden wieder geschenkt hat, weil ja Jesus’ Bewusst-seinsebene aus purer Liebe besteht…Eva als Nehmerin des Paradieses….Die heilige Maria als Geberin und Mutter des Paradieses auf Erden…., denn wer die Bewusstseinsebene von Jesus erlangt, erlebt in unserer Welt, in der Leid eigentlich ein Naturgesetz ist, einen Himmel auf Erden“,
phantasiere ich in psychotischer Manier vor mich hin.
Nun bin ich tatsächlich so weit in meine Psychose gerutscht, dass ich auch bei mir selbst eine meiner dominantesten, eigenen Symbolfiguren wieder spüre: Die, der heiligen Maria.
Und der Gedankenstrom setzt sich fort: „Ich bin die heilige Maria. Ich habe ihre energetischen Kräfte. Ich spüre sie. Ich bin sie. Ich bin die heilige Maria. Ich spüre große Schuld. Schuldgefühle. So große Schuld…, aber auch große Liebe. Verzweiflung. Die Verzweiflung einer Mutter, die ihren Sohn zu Grabe tragen musste. Eine Mutter, die sich so sehnlichst ein Leben an der Seite ihres Sohnes gewünscht hatte. Eine Mutter, die die Menschen dafür hasst, das ihr Sohn wegen ihnen am Kreuze sterben musste…., aber auch eine Heilige, die alles dafür getan hätte, um ihr eigen Fleisch und Blut zu retten. Eine Frau, die an ihrem Schicksal beinahe zerbrochen wäre, eine Menschentochter, die schließlich heilig wurde.“
In diesem Moment wird mir auch meine „Aufgabe“ gegenüber Eve bewusst.
Mir wird nämlich klar, warum Eve und ich, wir jungen Reinkarnation von Eva und der heiligen Maria (zwei Reinkarnationen von tausenden Reinkarnationen mächtiger Symbolfiguren, die hier gerade auf der Erde wandeln), uns im Essensraum des „Intensivsbereichs“ begegnen sollten und wahrscheinlich auch mussten! Nun meine ich ganz klar zu erkennen, dass ich, als Reinkarnation der heiligen Maria, Eva verzeihen und sie retten muss, weil sie durch ihre moralische Schwäche das Paradies verspielte und so eine Welt voller Leid schuf, die auch ihrem Sohn Jesus schließlich sein Leben kosten sollte!
Und wurde Jesus gar nicht gekreuzigt, sondern gesteinigt? Diese Theorie vertrat mein ehemaliger Mitpatient Valentin, der sich zugleich für die Reinkarnation von Jesus und Hitler hielt.
Ich fasse mich wieder und denke mir: „Aber jetzt konzentriere dich, Vera Maria, du musst Eve retten! Wie schändlich von dir, dass du sie fast anschreien wolltest! Das arme Mädchen hat ungeheure Angst vor Äpfeln und jetzt hat sie auch noch einen im Mund.“
Ich spüre diese höchsten Energien förmlich, die hier im Essensraum nun herrschen, und es schießt mir durch den Kopf: „Du bist gerade Zeuge und Teil einer kosmischen Entscheidung! Gerade wiederholt sich der Sündenfall durch einen Biss in einen Apfelkuchen! Eva arbeitet ihren Urkonflikt auf! Eva biss in einen Apfel, Eve beißt in einen Apfelkuchen. Scheiße, Apfelkuchen? Äpfel? Scheiße, die hat nicht nur eine Phobie, wie ich mit den Spinnen, scheiße, ach du riesengroße Scheiße! Die ist ja auch noch allergisch gegen die VERFLUCHTEN ÄPFEL!!!!“.
Als ich nach meiner Psychose mit etwas Abstand über diese Episode nachdachte, wurde mir auch bewusst, warum viele Menschen in ihren Psychosen überfordert sind und schier „durchdrehen“: Die Überflutung mit Eindrücken und den sich daraus ergebenden Gedanken ist wirklich enorm.
Es ist letztlich ein Segen Gottes, dass ich genau in diesem Moment von meinem geistigen Zustand tiefster Psychose wieder in eine Wahrnehmung für „das, was gerade wichtig ist“ (wie mein Therapeut Sebastian sagen würde) katapultiert werde, denn so kann ich geistesgegenwärtig der Pflegekraft mit der blonden Dauerwelle zurufen: „SIE HAT EINE APFELKUCHENALLERGIE!!“
Worauf die Pflegekraft mich verständnislos mit ihrem stupiden Blick anblickt und meint: „Wie bitte, eine Allergie gegen Kuchen? Wo gibt’s denn das?“ „GEGEN DEN VERDAMMTEN APFEL NATÜRLICH!!“, brülle ich panisch zurück.
Nun wird auch der etwas langsamen Pflegerin das ganze Ausmaß des Unheils bewusst:
Sie stürzt auf Eve zu, die nun kreidebleich im hübschen Gesicht sich auf einen Stuhl sinken lässt und mit belegter Stimme krächzt: „Oh god, this is a real nightmare. Fucking apples, fucking cake with apple, fucking hospital, THIS FUCKING JAIL, fucking Germany. Am I in hell?“ Dann verliert sie das Bewusstsein und knallt mit dem Kopf auf den Tisch, der vor ihr steht. Die Pflegekraft drückt daraufhin geistesgegenwärtig den Alarmknopf auf ihrem Piepser, der den Stationsalarm auslöst, und schon ist ein tobendes Chaos im Gange.
PIEP, PIEP, PIEP, schallt es aus dem Alarmsystem der Station. Schon eilen weitere Pflegekräfte herbei, wohl auch in der freudigen Erwartung einen neuen Gast für eine Übernachtung in der Isolierzelle zu ergattern, wie ich ihnen bedingt durch meinen teilweise paranoiden schizophrenen Zustand in diesem Moment voller Verachtung unterstelle.
Es brennt, es brennt!“, schreit panisch eine Mitpatientin. Ein anderer Mitpatient rennt mit hüpfenden Bewegungen davon und die übrigen reden wirr durcheinander. Doch manche starren aber immer noch total zugedröhnt und lethargisch auf ihr Tablett und scheinen von dem Spektakel, das sich um sie herum abspielt, gar nichts wahrzunehmen.
FLIIIEEEGER-ALAARM! AB IN DEN BUNKER! SCHNELL!“, übertönt Opa Adi mit nun kräftiger, lauter Stimme das Spektakel. Von seinen Erstickungsanfällen fehlt jetzt jede Spur. Opa Adi befindet sich anscheinend gerade im „Survival-Modus“. Im Biologieunterricht am Gymnasium habe ich gelernt, dass in der Natur das Gesetz „Survival of the fittest“ gilt – also Überleben der am besten Angepassten. Opa Adi, bei dem ich mir bis heute nicht sicher bin, ob er das mit dem Fliegerangriff und dem Bunker wirklich gebrüllt hat oder ob es sich hierbei um eine meiner akustischen Halluzinationen, wie die Ärzte der Psychiatrie das nennen, gehandelt hat, gehört aber eindeutig nicht mehr zu den Fittesten, denn auch ihm, der wirklich einen aufregenden Tag erlebt hat, wird nun alles zu viel, und er greift sich mit einem lauten Aufschrei der Empörung seinen Rollator und dampft aus dem Essensraum in sein Zimmer davon.
Ja auch Hitler braucht mal etwas Ruhe und Erholung vom Alltagsstress“, denke ich mir und betrachte, was gerade um mich herum passiert: Die Pflegekräfte haben Eve, die nun bewusstlos und blass wie eine Leiche wirkt, in die stabile Seitenlage gebracht und erwarten die Ankunft des gerufenen Notarztes. Langsam scheint sich die Lage auf der Station wieder zu beruhigen.
Mir aber dämmert immer stärker die Erkenntnis, dass es einem gerade hier an diesem illustren Ort besonders schwer gemacht wird, die alte zen-buddhistische Weisheit zu praktizieren, wonach uns ohnehin nichts anderes übrigbleibt, als unseren Frieden in brennenden Häusern zu finden – sowohl hier in der Psychiatrie als auch draußen in der sogenannten „normalen“, aber auch kaum heilen Welt.
Kurzgeschichte
und Buch “Die unheimliche Magie der Psychose” von Vera Maria

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Mein Name ist Vera Maria und ich bin Betroffene einer psychischen Besonderheit ;) Ich weigere mich den Begriff "psychisch krank" zu verwenden, da es sich meiner Meinung nach niemand anmaßen darf zu definieren, was "normal" ist und was "krank". Früher habe ich sehr unter meiner Besonderheit gelitten. Ich hatte starke Ängste und Zwänge und habe durch 4 Suizidversuche mein Leben aufs Spiel gesetzt. Meine Entwicklung war geprägt von Manien und Depressionen und erst mit einer Psychose setzte bei mir Heilung ein. Mir ist bewusst, dass die meisten Menschen Psychose als etwas negatives sehen, aber ich meine in Psychose "eine unheimliche Magie" zu erkennen. Mit der Heilungschance, die Psychose bieten kann, beschäftige ich mich in meinen Büchern. Mein erstes Buch "Die unheimliche Magie der Psychose" wurde 2017 beim "Verlag der Ideen" veröffentlicht. Hier der Link zum Buch: https://verlagderideen.de/portfolio/die-unheimliche-magie-der-psychose/

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