Psychose als Heilungschance nutzen – das Wichtigste rund um “Sean Blackwells” Theorie

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Jede Krankheit hat ihre Funktion…“

Diesen Satz gab mir ein Professor in meinem Psychologiekurs im Studium mit auf den Weg und ich habe ihn immer im Hinterkopf behalten.
Doch ich war vor allem bei meinen ersten Psychiatrieaufenthalten sehr vom “Psychiatriedenken” geprägt, das psychische Krankheiten stets “behandlungsbedürftiger Wahnsinn” seien und erst als ich meine erste große Psychose hatte, habe ich langsam ein Umdenken erlebt.
Heute habe ich gelernt mit meiner Psychose zu leben, ja sehr gut sogar zu leben – ich erlebe sie als Heilungschance.
Als ich dann auf den Youtubekanal “bipolarorwakingup” gestoßen bin und das erste Mal von “Sean Blackwells” Theorie gehört habe, war es für mich wie eine Offenbarung:
Fernab des “Psychiatriewissens” hat Sean Blackwell eine Erklärung für das bipolare Phänomen und auch für die angebliche “Krankheit” “Schizophrenie” gefunden.
Ich will hier meine Notizen, die ich mir zu den deutschen Youtubevideos zu Seans Theorien gemacht habe, mit euch teilen:
  • Sean Blackwell kommt aus Brasilien und hat das Buch Am I Bipolar or Waking Up? geschrieben.
  • Seine Theorie ist auch auf folgendem Youtubekanal zu finden: bipolarorwakingup Youtube Kanal
  • und hier Sean Blackwells Theorie im Deutschen auf dem Youtubekanal BipolareSeele 
  • Sean erlebte im Jahr 1996 eine Bipolare Krise während der er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Es dauerte einige Monate bis er sich darüber bewusst wurde, dass man seine Erfahrung in anderen Kulturkreisen völlig anders interpretieren würde.

Krankheit als Weg

Bevor ich Seans Theorie wiedergebe, will ich noch an einem Beispiel aus meinem Buch zeigen, wie ich meine Psychose als Heilungschance erleben durfte – wenn man eine Psychose nur oberflächlich betrachtet, mag man zu dem Schluss kommen, der Betroffene sei “wahnsinnig”, “fernab jeglicher Realität” – doch Psychose ist weit mehr, als “behandlungsbedürftiger Wahnsinn” – hier nur eines von vielen Beispielen, wie ich meine Psychose als Heilung erlebt habe:

Textstelle aus “die unheimlichen Magie der Psychose” von Vera Maria

Die Symbolfigur des Todes ist mir in der Klinik während meiner Psychose zweimal begegnet.
Das erste Mal habe ich eine ältere Mitpatientin für den Tod gehalten.
Sie hatte graue, schulterlange Haare, war eher ruhig und immer freundlich.
Während einer Psychose ist es ganz klassisch, dass man anderen Mitmenschen bestimmte Rollen und Figuren zuordnet.
Im Frühstadium meiner Psychose hatte ich wahnsinnige Angst vor dieser Frau und ging ihr immer aus dem Weg, was verständlich erscheint, da ich wirklich dachte, sie wäre so eine Art weiblicher Sensenmann.
Als ich dann einige Wochen später die zweite Psychose hatte und auf einer offenen Station war, schrieb ich einem jungen Mitpatienten die Rolle des Sensenmannes zu. Er hatte eine breite, eher mollige Statur und schwarze, längere Haare. Auch er strahle stets Ruhe aus.
Dass sich in diesen Wochen, seit ich in der ältere Frau den Tod zu erkennen glaube, in mir viel getan hatte, zeigte sich daran, dass ich vor dieser neuen Symbolfigur des Todes keine Angst mehr hatte.
Ich suchte im Gegenteil den Kontakt und entwickelte ein freundschaftliches Verhältnis zu dem Mitpatienten, von dem ich annahm, er repräsentiere den Tod.
Einmal waren wir beide im Raucherzimmer und es entwickelte sich folgender Dialog zwischen uns:
Ich sagte zu ihm: „Ich weiß, ich rauche zu viel, bitte tue mir den Gefallen und lass mich nicht nicht mit 40 oder noch früher an Lungenkrebs sterben.“.
Er antwortete: „Nun, es ist zu früh, sich darüber Sorgen zu machen, aber das Laster des Rauchens sei dir mal verziehen.“
Ich darauf: „Gut, meine Oma ist jetzt 85, so alt will ich gar nicht werden.“.
Er: „Das kannst du dir nun mal nicht aussuchen. Wobei…bei dir ist das mit Vorsicht zu genießen, bei deinen gewissen Tätigkeiten; du weißt, ich meine deine Suizidversuche.“
Ich musste schlucken: „So etwas mache ich nie wieder. Ich will eines natürlichen und friedlichen Todes sterben. Bitte lass mich keine Schmerzen haben.“
Daraufhin klopft mir der Tod auf die Schulter und meint:„Also wegen des Rauchens mach dir mal keine Sorgen, wir sehen uns wieder, wenn du dein Leben gelebt hast.“
Daraufhin gehen wir einträchtig zusammen aus dem Raucherzimmer und schreiten wie alte Freunde den Gang entlang und suchen unsere Zimmer auf.
Als ich nicht mehr psychotisch war, habe ich den Jungen, den ich für den Tod hielt, wieder gesehen, da er immer noch auf meiner Station war. Da hielt ich ihn natürlich nicht mehr für den Tod und seine Gegenwart war mir sehr peinlich, da sie mich an unser Gespräch im Raucherraum erinnerte.
Ich frage mich heute noch, ob er meinen Zustand bemerkte und einfach gut mitspielte.
Habe ich das komplette Gespräch halluziniert?
Hat er sich über mich lustig gemacht?
Ich weiß es nicht. Auch wenn es auf meine eigene verquere Weise geschah. Ich konnte mit dem Thema Tod Frieden schließen. Hatte ich am Anfang Angst und wollte weglaufen, wahrscheinlich auch weil ich ja den Tod so oft schon herbeigesehnt hatte und doch noch nicht bereit war für ihn, so konnte ich mich mit ihm versöhnen und habe ihn als das erkannt, was er ist: Ein ruhiger Begleiter unseres Lebens, der immer an unserer Seite ist, mal präsenter, mal im Hintergrund, doch da sein wird er immer, ob man es nun will oder nicht. Etwas Böses will er, der Tod, sicher nicht.
Er tut nur seine Aufgabe. Und wer ihn als Freund und nicht als Feind sieht, vor dem man weglaufen muss, der wird die Angst vor ihm verlieren.
Es muss ihn geben, den Tod. Ohne Tod kein Platz für Geburt. Ohne Geburt kein Leben. Also ohne Tod kein Leben.“

Die Überwindung des Suizidwunsches

Hier wird deutlich, wie psychotisches Erleben Heilung sein kann, denn ich konnte mich durch die Symbolfigur des Todes mit diesem Thema aussöhnen (einst hatte ich ein sehr schwieriges Verhältnis zum Thema Tod nach meinen 4 Suizidversuchen)
Auch Sean Blackwell sieht Psychose als Heilungschance
  • zentral bei seiner Theorie: das Seele (intuitives, göttliches im Menschen) und Ego (die sich abgrenzende, begrenzende Kraft im Menschen) Modell
  • „Das Ego ist hier das falsche Ich, die Maske die wir der Welt zeigen und die uns zeitgleich von ihr abgrenzt. Vergleichbar wie die Eierschale, die ein Kücken beschützt und zugleich einschränkt.”
  • Das Kücken ist hier die Seele, der wahre Kern des Menschen.
  • Dieses Ego kann nun beispielsweise durch radikale Veränderungen im Leben, verletzlich in seiner Beschaffenheit, wie die Eierschale eines Kückens zusammenbrechen.
  • Dann kommt es zum manischen, psychotischen Zustanden.
  • “Der gegenteilige Fall ist, jener: das Ego bezwingt mit aller Kraft die Seele, dann kommt es zur Depression.“
→ bei bipolar Störung: Kampf von Ego und Seele
→ „ich kann nicht ich selbst sein Störung“
  • bei Depression: Ego stülp sich über Seele → viel grübeln
  • bei Manie oder Psychose: Seele bricht aus Ego aus → Heilungschance in der Psychose, da hier Seele hervortritt und Unbewusstes in Bewusstsein gelangt → wie ein Seeungeheuer, das an Meeresoberfläche gelangt
Symptome bei Psychose nach Sean Blackwell erklärt:
  • Betroffener glaubt Reinkarnation von jemand Heiligem zu sein → Seele ist heilig und diese wird spürbar → je nach Kulturkreis und Geschlecht glauben Betroffene zum Beispiel die “Heilige Maria” oder “Jesus” zu sein
  • Betroffene von Psychose sprechen in Metaphern → denn die “normale Sprache” mag psychotische Erlebnisse nicht auszudrücken
  • Betroffene haben gesteigerte Sinneswahrnehmungen → besonders schön ist es in der Natur, dagegen oft Reizüberflutung in der Stadt
  • Betroffene könne sich in andere Menschen verstärkt reinfühlen, werden noch verstärkter sensibel → da Grenze des Egos sich auflöst → Gefühl des “ALLES ist mit ALLEM” verbunden
  • aggressives Reagieren von Betroffenen auf Umfeld der Klinik → wird oft als intuitiv feindlich wahrgenommen, da es heilenden Prozess der Psychose stoppt → tristes Erscheinungsbild der meisten Kliniken tut sein übriges
  • Betroffene durchleben in der Psychose ihre Kindheitstrauma (als heilenden Prozess)
  • Betroffene haben oft das Gefühl das eigene Gedanken gelesen werden können → wegen Verschwimmen der Grenzen durch Auflösen des Egos
Sean Blackwells Behauptung: je nach seinem individuellen Bewusstsein bekommt ein Mensch seine individuelle Psychose, also “Psychoseart” je nach “Bewusstsein”, das der Mensch hat:
  • es gibt verschiedene Bewusstseinsstufen
  • eigentlich sollte man keine wertenden Begriffe verwenden (wie höheres, niedrigeres Bewusstsein) aber es ist eine Einteilung in höhere und niedrigere Bewusstseinsstufen notwendig, um zu verdeutlichen, wo die Probleme liegen
  • und so hat zum Beispiel ja auch ein Steinzeitmensch ein deutlich niedrigeres Bewusstsein wie der moderne Mensch
  • es gibt zahlreiche verschiedene Bewusstseinsstufen als Entwicklungsstufen
  • und je nach Bewusstsein erlebt ein Mensch die Welt
Beispiele für verschiedene Bewusstseinsarten:
  • z.B. depressives, manisches, paranoides Bewusstsein: psychologische Tendenzen prägen Bewusstsein
  • z.B. oberflächliches, materialistisches, spirituelles Bewusstsein: Glaubenssätze prägen Bewusstsein,
  • z.B. europäisches, amerikanisches, afrikanisches Bewusstsein: Kulturkreis prägt Bewusstsein
  • z.B. konservatives, alternatives Bewusstsein: Erziehung, Umfeld prägen Bewusstsein
→ jeder Mensch hat ein individuelles Bewusstsein, das seine Welt schafft
Je nach Bewusstsein kommt es zur Psychose
  • bei überwiegend niederen Bewusstseinsanteilen (Hass/Groll/negative Gefühle gegen sich selbst oder andere) kommt es häufig zur paranoiden Schizophrenie → düstere Psychose
  • bei vielen liebenden Bewusstseinsanteilen kommt es häufig zur schizoaffektiven Psychose
.“Sean Blackwell erklärt die unterschiedlichen Schizophrenietypen damit, dass es verschiedene Bewusstseinsebenen gibt und je nachdem in welcher sich der Mensch befindet, er die dazugehörige Krankheit bekommt. Manche Leute erleben also eine Psychose des Lichts, manche eine des Schattens, aber die meisten sind gemischt. Warum? Weil jeder in einem anderen Bewusstseinsebene ist und jemand der ängstlicher und verschlossener ist, eher eine düstere Psychose hat, wie jemand der liebevoll und offen denkt und lebt.“
Sean behauptet also das das Bewusstseinsspektrum die Psychoseart bestimmt.
Ich habe sowohl die schizoaffektive, wie auch die paranoide Psychose erlebt:
Ich habe beide Psychosearten als Heilungsweg erlebt!
Doch der paranoide Weg das Ego zu heilen ist viel schmerzvoller, als der schizoaffektive!
Wie kann man nun als Außenstehender psychotischen Menschen helfen?
  • mit dem “Open Dialogue” (Gesprächsstrategie mit einer Heilungsquote von 85 % bei Psychosen)
  • durch kreative Angebote und Sport, Bewegung
  • Schaffen eines reizarmen Umfelds
  • durch liebevolle Zuwendung und Gespräche, ein offenes Ohr
  • Annahme und Vertrauen
  • Akzeptanz

Psychose – mehr als die angebliche “Krankheit”?
„In einer Psychose wird man ins kalte Wasser geschmissen, in den Ozean des Unterbewusstsein, aber man lernt zwingend zu schwimmen, wenn man nicht das Pech hat sofort von Medikamenten gebremst zu werden.“ (Zitat Sean Blackwell)
Jede Krankheit kann wie eine Blume gesehen werden, die Wurzeln hat. Die Blätter, die Blüte, der Stängel, dies alles ist der sichtbare Teil und dies, also die Symptome und werden auch von Medikamenten behandelt. Allerdings bleiben bei rein medikamentöser Behandlung immer die Wurzeln zurück. Diese können nur durch Therapie aufgearbeitet werden und so kann der Kranke nur geheilt werden, wenn die Wurzeln verschwinden, ansonsten wird die Blume nur zurechtgestutzt und immer wieder wachsen.” (Zitat Vera Maria)
Auf meiner Homepage findet ihr weitere Informationen zusammengefasst zu Sean Blackwell und der Therapieform des “Open Dialogue”
Artikel, Bilder und Buch “Die unheimliche Magie der Psychose” von Vera Maria

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